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Wie um alles in der Welt ich plötzlich zu meiner ersten Ausstellung im Erzhammer kam

Ganz ehrlich?

Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte:

„Sally, nächstes Jahr hängst du mit 30 Bildern im Erzhammer in Annaberg-Buchholz“,

hätte ich vermutlich geantwortet:

„Ja klar. Und nächste Woche organisiere ich dann noch spontan eine Ausstellung in der Knesset.“

Denn nichts an dieser Geschichte war geplant. Gar nichts.

Ich hatte weder einen Businessplan noch eine „Künstlerkarriere“ im Kopf. Ich hatte einfach irgendwann diesen Gedanken:

„Eigentlich wäre es schön, meine Bilder mal irgendwo auszustellen.“

Das war’s. So naiv. So harmlos. So unglaublich.

Ich erwähnte das beiläufig gegenüber meinen Freundinnen Ulrike und Ines. Eher in diesem Tonfall von:

„Naja… vielleicht kennt ihr ja irgendwen irgendwo irgendwie…“

Ein paar Tage später meldete sich Ulrike plötzlich bei mir und meinte:

„Schreib doch mal etwas über dich als Malerin. Ich würde das gern an das Kulturzentrum Erzhammer weiterleiten.“

Ich dachte:

Ja gut… warum eigentlich nicht?

Also setzte ich mich hin und schrieb spontan einen Text über meine Kunst, Israel, Materialien, innere Prozesse, Resonanz und all die Dinge, die sich eigentlich viel leichter malen als erklären lassen.

Ich schickte ihn ab und dachte ehrlich gesagt nicht weiter darüber nach.

Und dann wurde aus dieser Schnapsidee plötzlich Realität. Die Leiterin des Erzhammers antwortete.

Positiv. Nicht dieses typische:

„Vielen Dank für Ihre Anfrage, wir melden uns in 17 bis 46 Monaten oder eventuell nie.“

Nein. Sondern echtes Interesse.

Und plötzlich nahm die ganze Sache Fahrt auf. Telefonate. Ideen. Termine.

Und irgendwann fiel dieser Satz:

„Dann machen wir eine Ausstellung.“

ICH? EINE Ausstellung?

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ungefähr:

Emotionsüberschuss,

kreative Anfälle alle 5 Minuten,

und NUR 3 fertige Bilder!

Aber offensichtlich hielt mein Gehirn das trotzdem für eine ausgezeichnete Idee.

Das erste Gespräch mit dem Erzhammer fand kurz vor meiner Reise nach Israel statt. Zu diesem Zeitpunkt wirkte alles noch eher wie eine verrückte Möglichkeit als wie ein echter Plan.

Nach meiner Rückkehr wurde es konkret. Ab da blieben mir gerade einmal sechs Wochen, um rund 30 Werke für die Ausstellung zu schaffen.

Meine innere Reaktion darauf war kein panisches:

„Wie soll ich das schaffen?“

Sondern eher dieses tiefe Gefühl:

„Yepp. Kein Ding – mache ich im Schlaf😊.“

Der reinste Wahnsinn eigentlich. Und trotzdem war da eine erstaunliche Ruhe in mir.

Rückblickend war es fast eine Art Urvertrauen.

Als hätte etwas in mir längst gewusst, dass genau jetzt der Moment gekommen war, all das herauszulassen, was sich über Jahre angestaut hatte.

Der Aufenthalt in Israel selbst war allerdings alles andere als leicht.

Kurz vor meinem Hinflug trennte sich mein Jetzt-Ex telefonisch von mir. Telefonisch!

Timing kann das Leben wirklich beeindruckend gut.

Der gesamte Aufenthalt war emotional schwer, aufgeladen und voller innerer Spannungen. Gleichzeitig trug ich ohnehin schon ein komplettes inneres Erdbeben mit mir herum:

der Umzug zurück nach Deutschland,

private Sorgen,

die unschöne Trennung von einem Verein, mit dem ich jahrelang eng verbunden gewesen war,

das Gefühl, dass sich viele alte Strukturen gleichzeitig aus meinem Leben lösten,

und dieser merkwürdige Zustand zwischen Zusammenbruch und Neuanfang.

Und mitten in diesem emotionalen Trümmerfeld begann ich plötzlich zu malen wie besessen.

Nicht gemütlich. Nicht dieses romantische:

„Ich trinke Tee, höre leise Musik und male achtsam Gefühle.“

Nein. Es war eher ein hochfunktionaler Wahnsinn mit Acrylfarbe. Eine Mischung aus Farbexplosion, Schlafmangel und völliger Selbstüberschätzung.

Ich kaufte Leinwände in allen möglichen Größen — sogar schwarz grundierte waren darunter — dazu Farben, Strukturmaterialien, Chinchilla-Sand, Kleinkies und gefühlt halb Amazon leer.

Der Postbote klingelte inzwischen mehrfach täglich bei mir und meine Hündin war komplett entnervt, weil sie bei jedem Klingeln glaubte, mich gegen ihn verteidigen zu müssen.

Die blaue Tonne vor dem Haus quoll irgendwann derart über vor Verpackungsmaterial, dass ich begann, die Kartons und Füllmaterialien einfach im Gästezimmer zu stapeln.

Rückblickend sah das Ganze weniger nach Atelier aus und mehr nach einer Mischung aus Kunstprojekt, Materialschlacht und leicht eskalierter Kreativpanik.

Mein Wohnzimmer verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in eine Mischung aus Atelier, Farblabor und kreativer Eskalationsstufe rot.

Und dann malte ich.

Tagelang. Wochenlang. Von morgens bis nachts.

Die Ideen strömten einfach aus mir heraus. Ein Bild führte direkt zum nächsten.

Farben, Formen, Erinnerungen und Spannungen verschafften sich Sichtbarkeit — schneller, als ich überhaupt denken konnte. Es war wirklich wie ein Tsunami.

Und das Verrückte daran:

Obwohl ich innerlich komplett unter Strom stand, entstanden überwiegend farbenfrohe Bilder.

Bis heute verstehe ich das nicht ganz. Vielleicht war genau das mein innerer Gegenentwurf zum Chaos.

Vielleicht wollte irgendetwas in mir trotz allem Schönheit erzeugen.

Mein Nervensystem war vollkommen überlastet. Und trotzdem fühlte ich mich gleichzeitig zum ersten Mal seit langer Zeit unfassbar lebendig.

Genau das steckt heute in diesen Bildern.

Nicht Perfektion. Nicht kontrollierte Kunsttheorie. Sondern Bewegung. Spannung. Sehnsucht. Zerbrechen. Hoffnung. Weitergehen.

Wenn ich heute an diese erste Ausstellung denke, denke ich deshalb nicht zuerst an Wände oder Besucherzahlen.

Ich denke an diesen Moment, in dem plötzlich alles gleichzeitig auseinanderfiel — und genau daraus etwas Neues entstand.

Etwas Wundervolles.

Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich verstanden habe:

Meine Kunst entsteht nicht trotz des Chaos.

Sondern mitten hindurch.